Dienstag, 01. September 2026, Waldeckische Landeszeitung / Landkreis
Ein ungewöhnlicher Ferienjob
Abschlussveranstaltung der Vöhler Landkulturboten in der Synagoge

Vöhl – Projekte, die im Rahmen ihres ungewöhnlichen Ferienjobs entstanden sind, haben sechs Schülerinnen und Schüler der Alten Landesschule in Korbach und der Ederseeschule in Herzhausen vorgestellt. Als Landkulturboten führten sie im Wechsel Besucher durch den Gedenkhof, den Sakralraum und das Museum der Vöhler Synagoge.
Um die Fragen der Besucher beantworten zu können, erhielten sie vorab zahlreiche Informationen und Materialien. Anschließend arbeiteten sie jedoch selbstständig und eigenverantwortlich, wie Karl-Heinz Stadtler, stellvertretender Vorsitzender des Fördervereins, betonte. Für die traditionelle Abschlussveranstaltung entwickelte jeder Schüler ein individuelles Projekt zu einem selbst gewählten Thema.
Mit einem ausführlichen Lebenslauf stellte Theresa Kubat aus Marienhagen den Besuchern die Vöhler Jüdin Selma Rothschild vor. Sie wurde im Februar 1867 in Vöhl geboren und im Oktober 1942 im Vernichtungslager Treblinka ermordet.
„Wir hatten hier eine gute Zeit“, sagte Theresa Kubat. „Wir haben uns alle gut verstanden. Die Besucher waren immer freundlich und haben uns ernst genommen. Das Thema Nationalsozialismus behandeln wir erst jetzt in der zehnten Klasse im Unterricht. Deshalb war für mich vieles neu.“
Mit dem Bund Deutscher Mädel (BDM), dem weiblichen Pendant zur Hitlerjugend, beschäftigte sich Malia Kamm aus Kirchlotheim. „Ich wusste vorher nichts über das Thema und schon gar nicht, wie diese Zeit hier in der Region erlebt wurde. Ich wollte unbedingt mehr darüber erfahren. Außerdem hatte ich Kontakt zu meiner Vorgängerin aufgenommen und mich schon vorher ein wenig informiert.“
Carina Schulz aus Vöhl ging der Frage nach, wie aus der Demokratie der Weimarer Republik eine Diktatur entstehen konnte. Sie fasste dieses komplexe Thema in einem politisch-gesellschaftlichen Zeitstrahl für die Jahre 1925 bis 1933 zusammen. „Die Arbeit hier in der Synagoge war für mich sehr spannend. Ich hatte vorher keine Ahnung von diesen Themen, weil wir sie in der Schule noch nicht behandelt haben. Besonders viel Spaß hat mir der Kontakt mit den Besuchern gemacht“, sagte sie.
Tom Vahl aus Korbach wollte wissen, warum Juden auch heute noch in Deutschland leben, obwohl ihre Vorfahren hier verfolgt und ermordet wurden, und welche Erfahrungen sie mit Antisemitismus machen. Zunächst erläuterte er die verschiedenen Glaubensrichtungen des Judentums sowie Aspekte des jüdischen Alltags. Anschließend konnten die Besucher anhand einer Powerpoint-Präsentation seine Fragen und die Antworten aus den geführten Interviews selbst nachlesen.
Pia Simon aus Vöhl lernte durch ihre Tätigkeit als Landkulturbotin die Synagoge erstmals kennen. Sie hatte sich mit den ersten Deportationen nordhessischer Juden nach Riga ein umfangreiches und anspruchsvolles Thema vorgenommen. Sie schilderte den Verlauf der Deportationen und gab Einblicke in das Ghettoleben sowie in die Lager Kaiserwald und Salaspils. Dort starben unter anderem die in Vöhl geborene Johanna Laser, Minna Lazarus aus Ober-Werbe sowie Mitglieder der Familie Schönthal aus Marienhagen.
„Ich habe mich zum ersten Mal intensiv mit dieser Zeit beschäftigt. Das war interessant, aber auch nicht ganz einfach“, sagte Pia Simon. „Die Arbeit in der Synagoge hat viel Spaß gemacht. Der Kontakt mit den unterschiedlichen Besuchern und die Gespräche mit holländischen Gästen, die wir auf Englisch führen konnten, waren eine tolle Erfahrung.“
Abwechslungsreich und anschaulich berichtete Justin Suacillo aus Vöhl über den jüdischen Alltag. Er stellte den jüdischen Kalender, die Feiertage und verschiedene Traditionen vor. Zudem erklärte er die Bedeutung des Auszugs der Juden aus der Sklaverei in Ägypten sowie die Rolle von Mose und den Zehn Geboten. Seine Erklärung, warum sich Juden seit der Erschaffung der Welt heute im Jahr 5787 befinden, war für viele Besucher neu.
„Mir macht es viel Spaß, vor Publikum zu sprechen“, sagte der Schüler gut gelaunt. „Die Erfahrungen mit den Besuchern in der Synagoge waren etwas Besonderes. Sie haben viel mit uns gesprochen und uns ihre Geschichten erzählt. Gleichzeitig wollten sie wissen, warum wir diesen Ferienjob machen. Das war sehr interessant.“
Im Rahmen der Veranstaltung, die von Sahra Küpfer und ihrer Musikschülerin Polly Hoffmann musikalisch umrahmt wurde, erhielten die Landkulturboten ihre Zertifikate. Betreut wurden sie von Karl-Heinz Stadtler und Christiane Schimana-Schreiber von der Ederseeschule. Beide würdigten das Engagement der Jugendlichen.
Das neunte Landkulturboten-Projekt wurde mit Mitteln des Bundesprogramms „Demokratie leben“, des Landesprogramms „Hessen aktiv für Demokratie und gegen Extremismus“ sowie des Landkreises Waldeck-Frankenberg gefördert. Organisiert wurde die Unterstützung durch das Netzwerk für Toleranz des Landkreises.BARBARA LIESE