Freitag, 04. September 2026, Waldeckische Landeszeitung / Mein Waldeck
Praktische Art der Geschichtsvermittlung
Vor 20 Jahren: In Waldeck-Frankenberg werden die ersten Stolpersteine verlegt
„Ein Mensch ist erst dann vergessen, wenn sein Name vergessen ist.“
Das sagt Gunter Demnig und bezieht sich auf den Talmud, eine Sammlung jüdischer Schriften. Besonders eindrucksvoll hat sein Projekt der Stolpersteine diese Weisheit in die Realität umgesetzt. Mittlerweile liegen knapp 120.000 solcher Steine, verteilt auf 31 europäische Länder. Sie erinnern an Menschen, die in der Zeit der nationalsozialistischen Diktatur verfolgt, vertrieben und ermordet wurden, weil sie aus Sicht der Nazis „aus der Norm“ fielen, also anders dachten, glaubten, liebten und lebten. Im Einzelnen handelt es sich um Sinti und Roma, politisch und religiös Verfolgte, Menschen mit Behinderung, einer anderen sexuellen Orientierung oder Hautfarbe, um Obdachlose oder Prostituierte, die als „asozial“ gebrandmarkt wurden, um Zwangsarbeiter und Deserteure.
Erste Steine verlegt
Die meisten Steine aber gelten Menschen jüdischen Glaubens, so auch in Waldeck-Frankenberg. Frankenberg und Bad Wildungen machten 2006 den Anfang, daneben sind dies bislang Allendorf-Bromskirchen, Battenberg, Frankenau und demnächst wohl auch Bad Arolsen: In der Stadt, in Mengeringhausen und Helsen sollen voraussichtlich ab Dezember 50 Stolpersteine verlegt werden.
Groß wie ein Pflasterstein und versehen mit einer Messingoberfläche, enthalten sie in prägnanter Kürze Angaben zur jeweiligen Person, etwa Name, Geburtsjahr, Grund der Verfolgung und Schicksal.
Die Idee der Stolpersteine stammt von Gunter Demnig, der einst in Kassel sowie Köln lebte und heute in Alsfeld wohnt. Der Künstler, Jahrgang 1947, gedachte damit ab Anfang der 1990er Jahre zunächst dem Schicksal der Sinti und Roma. Erst ab den 2000er Jahren wurde daraus ein immer größeres Projekt mit wachsender Zustimmung in der Bevölkerung.
Wie gedenken?
Viele Diskussionen über den geeigneten Umgang mit der nationalsozialistischen Vergangenheit prägten die damalige Zeit. Zu denken ist nur an die Rede des Bundespräsidenten Richard von Weizsäcker 1985 zum 40. Jahrestag vom Ende des Zweiten Weltkrieges. Oder an die Ära von Bundeskanzler Helmut Kohl, der ebenfalls 1985 mit dem US-Präsidenten Ronald Reagan den Soldatenfriedhof in Bitburg besuchte, auf dem sich auch Gräber von Angehörigen der Waffen-SS befinden. Dabei sprach Kohl von der „Gnade der späten Geburt“. In Berlin rangen Politiker jahrelang erbittert um ein angemessenes Mahnmal für die Ermordung der europäischen Juden.
Zudem starben immer mehr Zeitzeugen, sowohl Opfer als auch Täter. Gestritten wurde auch, ob und wie lange noch Gerichtsprozesse wegen Nazi-Straftaten zu führen seien.
Hinzu kamen eine wachsende gesellschaftliche Polarisierung und Ausländerfeindlichkeit, ablesbar etwa am Aufstieg der Partei „Die Republikaner“ oder an den Anschlägen in Rostock-Lichtenhagen, Mölln, Hoyerswerda und Solingen.
Als Gegenbewegung dazu formierte sich eine alternative Geschichtsbewegung, die sich verstärkt der Aufarbeitung der nationalsozialistischen Vergangenheit widmete. Sie suchte nach Spuren vor Ort, gerade auch in den Kleinstädten und Dörfern, sie stellte das Schicksal ganz normaler, kleiner Leute in den Mittelpunkt statt Herrscher und Eliten, sie betrieb Alltagsgeschichte und befragte Zeitzeugen. Für diese Bewegung waren die Stolpersteine eine ideale Plattform, die sie intensiv unterstützten. Die Stolperstein-Idee war und ist nicht unumstritten. Städte wie München und Kassel lehnten sie lange Zeit ab. Sie argumentierten zum Beispiel, die Opfer würden durch das Betreten der Steine erneut gedemütigt. Die Steine seien Schmutz, Hundekot und vielleicht auch Vandalismus ausgesetzt. Die fast alle erst nach der nationalsozialistischen Diktatur geborenen Hausbesitzer und -bewohner würden durch die Aktion gebrandmarkt, ihre Immobilien dadurch im Wert gemindert.
Befürworter, auch in Bad Wildungen, halten dagegen: Die Steine würdigten allein die Opfer und lägen dort, wo die Juden einst freiwillig wohnten, also in ihrer Heimat. Sie konfrontierten die Stadtbewohner mit der Frage, warum das monströse Verbrechen der Shoa möglich war. Die Steine gedenken nicht weit weg in großen Mahnmalen in den Großstädten, sondern vor Ort und individuell an einzelne Menschen und machen das Unrecht so besser begreifbar. Je mehr Menschen die Steine betreten, umso heller wird die Messingoberfläche. Um die Stein-Inschrift lesen zu können, müssen sich Passanten verbeugen und ehren so automatisch die Opfer der Nationalsozialisten.
Gunter Demnig verbindet mit den Stolpersteinen handwerkliche, historische und pädagogische Arbeit. Die Steine werden per Hand einzeln hergestellt, im Gegensatz zur NS-Zeit, als sechs Millionen Juden auf industrielle Weise barbarisch ermordet wurden. Die Angaben auf den Steinen fußen entscheidend auf den Archivrecherchen und Zeitzeugen-Interviews lokaler Forscher.
Die Verlegung von „Stolpersteinen“ ist auch eine praktische Art der Geschichtsvermittlung. Sie erregt Aufmerksamkeit, geht direkt vor Ort, auch in die Provinz, sorgt für Gespräche und Kontroversen über die NS-Zeit. Es gibt lokale Putzpaten, also Privatleute, die einzelne Steine regelmäßig pflegen. Eine Frau sorgt sich um einen Rosenstrauch ganz in der Nähe des Gartengrundstücks, das früher der Familie Rosenbusch aus der Lindenstraße 14 gehörte. Den Strauch überreichten Jugendliche der Ense-Schule an die Nachfahrin Leslie Rosenbush-Floyd aus den USA bei der Verlegung von Stolpersteinen für deren Familie. Und Konfirmanden lernen das Stolpersteinprojekt bei Stadtrundgängen kennen.
Lockere Initiative
In Bad Wildungen hat sich kein eigener Verein gegründet, es handelt sich eher um eine Bürgerinitiative, die projektartig mit lokalen Akteuren zusammenarbeitet. Dazu zählen Kirchengemeinden, Musiker, das Theater im Kurpark, die Museen, Journalisten, die Synagoge Vöhl, Privatleute, Bürger jüdischen Glaubens und ehemalige jüdische Kontingentflüchtlinge, die aus der Sowjetunion in die Badestadt gekommen sind. Auch die Spender der Stolpersteine sind vielfältig und tief in der Zivilgesellschaft verankert, etwa politische Parteien, Klinikbetreiber, Stadtverwaltung und Touristen.
Zu den Aktionen im Umfeld der Stolpersteine zählten in der Vergangenheit etwa Theatervorführungen wie „Paradies Heimat“ der Gruppe „Thespis-Karren“ sowie von Jugendlichen der Ense-Schule und des Stresemann-Gymnasiums, jiddische Musik mit dem Ehepaar Häusler aus Guxhagen, Stadtrundgänge, mehrere Ausstellungen, Publikationen wie ein Heft mit Erläuterungen zu den Stolpersteinen und ein Buch über den jüdischen Friedhof, Vorträge und Zeitzeugenberichte, etwa mit Blanka Pudler aus Ungarn. Das Fernsehen des Hessischen Rundfunks berichtete mehrfach über die Stolpersteine in der Stadt, in Israel wurde dazu sogar ein Film von David Blum gezeigt.
Nachfahren beteiligt
Eine besondere Bedeutung haben die Stolpersteine für die Nachfahren Wildunger Juden. Aus Europa, Süd- und Nordamerika und Asien besuchen sie die Stadt, sie regten die Verlegung von Steinen an und beteiligten sich an deren Finanzierung. Sie hielten Vorträge über die eigene Familiengeschichte und trugen zur Erforschung der lokalen jüdischen Geschichte bei.
Beispielhaft dafür stehen Paulette und Gary Buchheim sowie Richard Oppenheimer aus den Vereinigten Staaten, Ruth Baruch aus Israel, Gershon Willinger aus Kanada und Eva Flörsheim aus Norwegen.
Diese Menschen fühlen eine enge Verbundenheit zu dieser Stadt und den Stolpersteinen. Auch weil damals durch Verfolgung, Flucht oder Ermordung viele Familienstücke wie Fotos, Briefe oder Dokumente verloren gegangen sind, zählen die Steine für sie zu dem kleinen Rest, der an die Vorfahren erinnert und sie ehrt.VON JOHANNES GRÖTECKE » FORTSETZUNG NÄCHSTE SEITE