16.10.2026, Auswanderer sucht sein Glück in Amerika

Die Bergstadt Landau 1906. Dort wuchs Hermann Schönstädt auf, bevor er auswanderte.
© Foto: Sammlung Ralph Busch
 

Auswanderer sucht sein Glück in Amerika

Der jüdische Wohltäter Hermann Schönstädt aus Landau – Erster Teil
 

Landau – Das Leben des jüdischen Wohltäters Hermann Schönstädt aus Landau ist eine wahre Geschichte von Menschlichkeit und Uneigennutz in Zeiten von Hass und Hetze.

Die Geschichte der jüdischen Gemeinde in Landau geht zurück bis ins 16. Jahrhundert. Schon 1541 wird in der Stadt ein „Juddenhaus“ genannt. Ein Sprung ins 19. Jahrhundert zeigt eine intakte jüdische Gemeinschaft mit Synagoge und Schule, einem Rabbi und einem eigenen Gemeindevorsteher. Allerdings ist diese Gemeinde schon Anfang 1900 auf 14 Mitglieder zusammengeschrumpft.

Seit Beginn des 19. Jahrhunderts lebte die Familie Schönstädt in der Stadt. Hirsch und Mendel Schönstädt hatten zwei Söhne, Ruben und Hirsch. Sie zogen später nach Arolsen, wo heute noch auf dem jüdischen Friedhof ein Grabstein an sie erinnert. Ruben wurde am 19. Januar 1827 geboren, er blieb in Landau und heiratete am 30. Dezember 1851 die am 5. Dezember 1828 geborene Bertha Wertheim aus Wolfhagen.

1855 geboren

Am 16. August 1855 kam ihr Sohn Hermann zur Welt. Im Geburtsregister wurde sein Vorname zunächst Hahne, nach dem Vornamen von Berthas Vater, geschrieben. Doch der Eintrag bekam einen Zusatz: „auf Verlangen ist der Vorname in Hermann umgeändert worden.“ In Zeiten, in denen sich Argwohn, Neid und Hass auf die jüdische Minderheit in Deutschland allgegenwärtig zeigten, wuchs der kleine Hermann in der ebenso kleinen jüdischen Gemeinde in Landau auf. Dort ging er auch zur Schule.

Fürs Leben lernte der Junge unter Rektor Wilhelm Vesper und später noch unter Ferdinand Großcurth in christlicher Umgebung und in der Familie, in der die jüdischen Traditionen hochgehalten wurden. Zusätzlich gab es in der jüdischen Gemeinde in Landau schon ab 1826 einen eigenen Lehrer, der den Kindern in zehn bis zwölf Wochenstunden Religions- und Elementarunterricht gab.

Armut verbreitet

Von Gleichberechtigung für die jüdische Minderheit war in diesen Zeiten nur zu träumen. Viele Juden waren bettelarm und schlugen sich als Bettler oder mit kleinen Handels- und Tauschgeschäften durchs Leben. Die waldeckische Regierung bemühte sich lange zwecklos, die jüdische Bevölkerung zu handwerklichen Berufen zu bewegen. Zudem weigerten sich die Zünfte standhaft, Juden aufzunehmen. Es gab nur wenige jüdische Handwerker wie Metzger, Schuhmacher oder Lohgerber.

Die Revolution 1848/1849 brachte dann, zumindest rechtlich, eine Gleichstellung, die bis 1933 nicht angetastet wurde, aber in der Gesellschaft keinesfalls Durchsetzung fand.

Die wirtschaftlichen und ökonomischen Verhältnisse besserten sich in den 1850er und 1860er Jahren. Viele Juden kamen als Händler und Kaufleute zu einem bescheidenen Wohlstand. Einige der Händler konnten nach und nach mit ihrem Einkommen sogar ärmeren Bauern Geld leihen.

Um 1850 gab es in Landau noch 14 jüdische Familien. Doch im Laufe der nächsten Jahre wanderten viele von ihnen aus, weil sie anderswo, vor allem in Übersee, bessere Verdienstmöglichkeiten vorzufinden hofften. Hermanns Vater Ruben war Schuhmacher und wurde 1867 zum Vorsteher der kleinen jüdischen Gemeinde ernannt.

1874 war ein entscheidendes Jahr für den jungen Mann von 19 Jahren. Am 17. März starb plötzlich seine Mutter Bertha mit nur 43 Jahren. Nur knapp drei Wochen später, am 4. April, ist auch sein Vater Ruben gestorben. Die Gründe dafür sind nicht überliefert.

Wahrscheinlich wanderte Hermann schon im darauffolgenden Jahr, oder zumindest in einem der darauffolgenden Jahre nach Amerika aus, wo er seinen ersten Wohnort in Philadelphia fand. Dort heiratete er am 16. März 1884. Seine Frau Mollie wurde im November 1854 geboren und stammte aus Philadelphia. Die Quellen widersprechen sich bei der Angabe ihres Mädchennamens zwischen Levi und Sultzbach.

Das Paar bekam insgesamt vier Kinder. Tochter Florence wurde 1885 geboren, starb aber schon 1892. Die zweite Tochter, Bertha, erblickte am 14. Oktober 1886 das Licht der Welt, Sohn Henry folgte am 10. Mai 1888 und Arthur am 10. Mai 1890 in Philadelphia.

Auch da gibt es in den verschiedenen Online-Quellen, widersprüchliche Angaben über die einzelnen Geburtsdaten. Mir wurden die genannten Daten von der Urenkelin Kim Schoenstadt in Los Angeles bestätigt. Aber dazu später mehr.

Hermann arbeitete ab 1886 in einem Komitee zur Aufnahme jüdisch-russischer Flüchtlinge.

Im Jahr 1900 zog die Familie nach Chicago. Um diese Zeit gab es noch keine Kinos im heutigen Sinn, sondern nur die „Nickelodeons“. Das waren kleine, dunkle und schlecht belüftete, ehemalige Ladenlokale mit einfachen Holz- oder Klappstühlen, einer Leinwand und maximal ein paar Dutzend Sitzplätzen. Eintritt gab es schon für um die fünf Cent, und es wurden kurze Stummfilme von etwa zehn bis maximal 60 Minuten Länge, untermalt mit Grammophon-Musik oder auch Livegesang, gezeigt.

Chicago war zu dieser Zeit das Zentrum der amerikanischen Filmindustrie. Die 1907 in der Stadt gegründete Essanay Film Manufacturing Company machte Ben Turpin und später Charlie Chaplin in seiner Rolle als Tramp berühmt – „The Tramp“ kam 1915 in die Kinos. Essanay war maßgeblich an der Erfindung des Western-Genres beteiligt. Charlie Chaplin drehte 14 offizielle Kurzfilme in Chicago, bevor er nach etwa eineinhalb Jahren, Anfang 1916, zur Mutual Film Corp. wechselte und 1919 mit Douglas Fairbanks und Mary Pickford United Artists gründete.

Der Filmpionier

All das Große, Elitäre, die große Filmindustrie mit ihren gigantischen Filmpalästen, die nach und nach in den Zentren, den Loops, der Städte entstanden, waren nicht im Sinne von Hermann Schoenstadt. Er verfolgte eine andere Idee.

Als er 1900 nach Chicago zog, gehörte er zu den Ersten, die das Potenzial von festen Filmtheatern erkannten. 1908 legte er mit der Eröffnung des „Palace Theatre“ mit etwa 250 Sitzplätzen an der South Ashland Avenue/49th Street den Grundstein für ein erfolgreiches Kinoimperium in den Arbeitervierteln der Stadt, lange bevor Filme als nobles Entertainment galten. Hermann Schoenstadt wurde zu einem wichtigen und vor allem unabhängigen Pionier der frühen Kinoindustrie.

Die ersten Filme, die 1908 in die Kinos kamen, waren noch nicht abendfüllend, sondern Kurzfilme. Dazu gehörte mit der Verfilmung von „Dr. Jekyll and Mr. Hyde“ der erste echte Horrorfilm der Geschichte. „The Fairylogue and Radio Plays“ war die erste Filmversion der Buchserie über den „Zauberer von Oz“. Dabei waren handcolorierte Filme auf der Leinwand, kombiniert mit Live-Schauspielern auf der Bühne, zu sehen.

Im Mai 1909 lief die Slapstick-Kommödie „Mr. Flip“ der Essanay-Studios mit Ben Turpin und einer Länge von 3:48 Minuten an, in der zum allerersten Mal jemand eine Torte ins Gesicht bekam – ein Klassiker und „Running Gag“ in vielen späteren Slapstick-Komödien. Beliebt waren auch Filme von Paraden, wie die der Chicagoer Polizei, oder Aufnahmen von lokalen Boxkämpfen.

Die Landauer Schule mit ihren Kindern 1918. Eigenhändig hat Hermann Schoenstadt ein paar Worte und seine Unterschrift unter das Bild gesetzt. Das Bild zeigt rechts das Plakat der Ludendorff-Spende, die vom 1. bis zum 7. Juni 1918 mehr als 33.000 Reichsmark für Kriegsbeschädigte einbrachte.
© Foto: Sammlung Ralph Busch/Landauer Schulchronik
 

Familie baut sich ein „Kino-Imperium“ auf

Der jüdische Wohltäter Hermann Schönstädt aus Landau – Fortsetzung
 

Unter dem Firmennamen „H. Schoenstadt & Sons“ errichtete die Familie ein dichtes Netzwerk von erstklassigen Kinos, sozusagen in der Nachbarschaft, direkt vor den Haustüren der Menschen im Süden, in den Arbeitervierteln Chicagos.

Die Schoenstadt-Kinos waren modern und die Familie achtete immer darauf, dass die Häuser nicht allein Luxus für die Reichen waren, sondern vor allem bezahlbare, sichere und prachtvolle Rückzugsorte für die arbeitende Bevölkerung. 1913 kam das „Kenwood“ mit 885 Sitzplätzen und 1917 das „Atlantic Theatre“ mit etwa 2000 Plätzen hinzu.

Filmgeschäft blüht

Das Filmgeschäft verlagerte sich zwischen 1910 und 1916 langsam nach Kalifornien, wo Film-Crews bessere Möglichkeiten und vor allem schöneres Wetter vorfanden, denn die Kameras benötigten zur damaligen Zeit vergleichsweise sehr helles Tageslicht.

Zu dieser Zeit war die Kanadierin Mary Pickford die berühmteste aller Stummfilmschauspielerinnen, sie war auch die erste Millionärin Hollywoods. Bis dahin gab es noch keinen männlichen Film-Millionär.

Die Schoenstadts bewiesen in Chicago, dass auch Unabhängige ohne einen großen Namen und in den Wohngebieten der ethnisch und sozial vielfältigen Bevölkerung Chicagos erfolgreich sein konnten.

Chicago war eine Einwandererstadt, stark geprägt von irischen und deutschen Gemeinschaften, in denen Bier und Spirituosen fest zur Alltagskultur gehörten. Aber am 17. Januar 1920 begann auch dort die Zeit der Prohibition, also des Alkoholverbots. Sie führten zum Aufstieg „berühmter Leute“ wie Joe Aiello, George „Bugs“ Moran und Al Capone, deren Geschäft darin bestand, den Leuten trotz Verbots Hochprozentiges zu liefern.

Gemeinde schrumpft

Die Jahre gingen ins Land, und die jüdische Gemeinde in Landau bestand nach dem Ersten Weltkrieg nur noch aus neun Mitgliedern. Der Krieg hatte ebenso, wie der nicht enden wollende Argwohn gegen die Juden, seine Opfer gefordert. Auswanderung und Tod brachten Leid und leere Plätze auch an die Tische aller Landauer Familien.

Besuch in Landau

Doch das Leben ging weiter, fand einen neuen Anfang. Und so reiste Hermann Schoenstadt am 14. Mai 1924 zu einem Besuch in seine alte Heimatstadt. Unmittelbar nach der großen Inflation kam die Wirtschaft in Deutschland erst langsam wieder in Gang. Die Leute waren arm, die Sparguthaben vernichtet, vieles war nach dem Krieg noch nicht wieder aufgebaut.

Vermutlich kannte zu dieser Zeit niemand in Landau mehr einen Hermann Schönstädt. Und vermutlich hat auch niemand gewusst, dass dieser Landauer Junge sich den amerikanischen Traum erfüllt hatte. Und schon gar nicht wussten sie im ländlich geprägten Waldecker Land viel über Chicago.

Die Familie Schoenstadt wurde zu einem Pfeiler der Chicagoer Gemeinde. Hermann Schoenstadt war aktives Mitglied bedeutender jüdischer Organisationen wie dem Waisenhaus „Marks Nathan Jewish Orphan Home“ oder dem „Mount Sinai Hospital“, wobei er oft anonyme Spenden leistete. Dies gilt in der jüdischen Tradition der Tzedaka als die höchste Form der Wohltätigkeit.

In Archiven in Chicago gibt es Aufzeichnungen von ehemaligen Angestellten, die die Schoenstadts als faire und fürsorgliche Arbeitgeber beschreiben, die ihre Mitarbeiter auch in der Weltwirtschaftskrise nach 1928 nicht entließen. Hermann Schoenstadt hat aus der Erfahrung der Ausgrenzung in Europa eine Kultur der Inklusion und des Staunens in Amerika geschaffen.

Trotz dieser verschiedenen Erfahrungen, die auch er als jüdischer Junge und Heranwachsender in Landau erlebt haben musste, blieb Hermann auch seiner Heimat immer emotional verbunden. Das zeigte sich bei seinem Besuch in der Landauer Schule, der Bildungsstätte seiner Jugend. Er wurde von Lehrer Heinrich Höhle, Lehrerin Luise Bangert und allen Kindern herzlich mit Liedern und Gedichten empfangen. Festgeschrieben in der Landauer Schulchronik heißt es:

„Herr Schönstädt dankt tiefbewegt und mit Tränen für die Begrüßung durch Lehrer und Kinder und bekennt sich mit dem Herzen als treuer Deutscher, ermahnt die Kinder wahr und gut zu sein und etwas tüchtiges zu lernen. Darauf spendet er der Schule als Dank dreihundert Dollar und als ihm die Lehrpersonen vorschlagen, das Geld nicht einzeln zu verteilen sondern als Stiftung auf Zinsen anzulegen und die Zinsen jährlich zu verteilen, erhöht er die Stiftung um noch einhundert Dollar sodaß also die Stiftung jetzt im ganzen vierhundert Dollar beträgt. Sie trägt den Namen Hermann Schönstädt Stiftung.

Die Zinsen sollen durch die jeweiligen Lehrer in Landau zum besten der Schulkinder verteilt werden und zwar ein Teil der Zinsen für die beiden aus der Schule zu entlassenden Kinder, die das beste Zeugnis haben und am würdigsten sind und zwar erhält das Geld je ein Mädchen und je ein Knabe. Der andre Teil der Zinsen wird zum besten der gesamten Schulkinder verwandt zur Unterstützung bei Schulausflügen und zu anderen Zwecken zum besten der Kinder nach dem Urteil und den Bestimmungen der Lehrer.

Die Lehrer danken herzlichst für die Stiftung und versprechen, nach bestem Wissen und Gewissen die Zinsen zu verteilen und auch besonders bei der Verteilung an die beiden besten Kinder ohne Unterschied der Person, des Standes, der Partei zu verfahren. Bei Schulausflügen und so weiter sollen auch besonders die armen Kinder bedacht werden. In allem werden die Lehrer gewissenhaft Sorgen.“

Vertrauensverlust

Bei der Reichstagswahl am 4. Mai 1924 wählte die Bevölkerung aufgrund massiver Perspektiv- und Arbeitslosigkeit extrem. Der Vertrauensverlust in die Politik der Weimarer Republik und der Verlust aller Sparguthaben und Altersvorsorgen durch die Inflation bescherten den völkisch-nationalen Kräften, darunter auch den Nationalsozialisten, sowie den Kommunisten erhebliche Zugewinne. Parallelen zur heutigen Zeit sind da kein Zufall.

Im Sommer 1924 kostete ein Kilo Brot um die 40 bis 50 Pfennig – im November 1923 waren es fast 400 Milliarden Mark. Ein Liter Milch kostete etwa 25 Pfennig, für eine Wohnung in Berlin zahlten Bewohner zwischen 50 und 80 Reichsmark Miete im Monat.

Segen für die Schule

Da waren diese 400 Dollar ein wahrer Segen für die Schule. Sie entsprachen in dieser Zeit, kurz nach der Hyperinflation Ende 1923, etwa 1700 Reichsmark, also etwa zweimal so viel wie ein durchschnittlicher Arbeiter in einem Jahr verdiente. Heute entspräche das etwa 8500 Euro.

In den Folgejahren machten die Kinder mit den Lehrern Höhle, Bangert und Oppermann etliche Klassenfahrten, die ohne diese Stiftung wahrscheinlich nicht möglich gewesen wären.

Außerdem stiftete Hermann bei seinem Besuch, in Gedenken an seine Eltern Ruben und Bertha, einen Gedenkstein auf dem jüdischen Friedhof in Landau im Namen der Schoenstadt-Familie in Chicago, Illinois. Dieser Gedenkstein aus schwarzem Marmor steht noch heute in Landau zwischen den Grabsteinen seiner Eltern.

„Mein Waldeck“

„Mein Waldeck“ ist die Heimatbeilage der Waldeckischen Landeszeitung. Verantwortlicher Redakteur: Dr. Karl Schilling. Nachdruck, auch auszugsweise, nur mit Genehmigung des Verlages Wilhelm Bing.