12.9.2018, Brillante Momente einer Weltreise

Brillante Momente einer Weltreise
Mal Bogen, mal pizzicato: Geiger Florian Meyer reizte sein Instrument beim Auftritt in der Vöhler Synagoge voll aus. Foto: Hennig
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Hennig, Armin

Von Armin Hennig

Vöhl. Hochenergetischer Tango nuevo, der diesen Namen auch verdient, das ist das Markenzeichen von „Tango Transit“. Da das Quartett zudem permanent andere Stile durch die musikalische Basis schleust, werden Martin Wagner, Hanns Höhn, Andreas Neubauer und Florian Meyer auch beim ausverkauften Auftritt in der alten Synagoge Vöhl dem Anspruch des Namens vollkommen gerecht.

Dabei erweist sich Astor Piazzollas Libertango als ideale Einführung in den multistilistischen Anspruch der Formation wie als denkbar geeignete Grundlage für ausgedehnte Exkurse. Im Verlauf der Auseinandersetzung mit dem Klassiker bleibt von der schlichten Steigerungskurve des Originals so wenig übrig wie von der hypnotischen Trance der von Grace Jones in die Charts gesungenen Version (I’ve seen this face before). Vielmehr erleben die Zuhörer im Spannungsfeld zwischen bruchlosen Tempo- und Stilwechseln und solistischen Transitzonen eine musikalische Weltreise, in der ein brillanter Moment den vorhergehenden ablöst und eine neue musikalische Wahrheit des Moments entsteht und wieder vergeht.

Als akustische Hommage an den Fusion-Jazz der frühen Siebziger nahm die Eigenkomposition Akrobat ihren Anlauf zum musikalischen Hochseilakt mit grotesken Elementen und einem bizarren Bossanova, der den bedrohlichen Moment beschreibt, indem der Clown ebenfalls aufs Seil geht und den Künstler bei der schwierigsten Übung stört. In der Verbindung der beiden Stile gab es ein musikalisches Happy End und eine einträchtige Verbeugung.

Die Basslinie von Hanns Höhn bildet das musikalische Seil auf dem Florian Meyers Geige beim Hardbop-Piazzolla „Ripped Curtain“ tanzt.

Musikalische Komik samt Seitenhiebe auf unbedarftere Weltmusik-Ensembles bilden den doppelten Boden bei „Night in Egypt“. Mit filigraner Percussionsarbeit sorgt Andreas Neubauer zu Beginn für Karawanenklänge, während Florian Mayer den Wind durch die Wüste heulen lässt und dann Martin Wagner die immer dichtere Atmosphäre mit Akkordeontupfern anreichert.

Doch was zunächst wie der Soundtrack für ein noch nicht gedrehtes Wüstenabenteuer klingt, erweist sich im weiteren Verlauf als eine grandiose Parodie auf die Vorgehensweise der üblichen Weltmusiker und ihre globalen musikalischen Rundumschläge. Deutlichstes Signal sind die bizarr überzeichneten Takte des Tangos „La Comparasita“, die das Bandoneon ins musikalische Geschehen einwirft, die aber schnell durch ein brillantes Bass-Solo von Hanns Höhn abgelöst werden, über dessen Verebben Florian Meyer noch einmal krächzt, bevor Andreas Neubauer einen letzten hauchzarten Beckenschlag anbringt.

 
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